Infraschall und Windkraft: Was die aktuelle Studienlage wirklich zeigt

BGR-Korrektur, neue schwedische Messungen, zelluläre Wirkmechanismen – und warum die pauschale Entwarnung wissenschaftlich nicht haltbar ist

Infraschall: Was die Forschung tatsächlich zeigt – und was verschwiegen wird

Infraschall von Windkraftanlagen wird von Behörden und Windkraftlobby gerne als erledigtes Thema dargestellt. Die Botschaft: Alles untersucht, alles unbedenklich, Kritiker sind schlecht informiert. Doch die Forschungslage hat sich in den letzten Monaten deutlich verschoben – und zwar nicht zugunsten der Entwarner.

Dieser Beitrag fasst die wichtigsten aktuellen Studien zusammen, ordnet die bekannten Gegenargumente ein und zeigt, warum die pauschale Entwarnung wissenschaftlich nicht haltbar ist.


Was ist Infraschall?

Infraschall bezeichnet Schallwellen mit Frequenzen unterhalb von 20 Hertz – also unterhalb der menschlichen Hörschwelle. Er entsteht bei natürlichen Phänomenen (Wind, Gewitter, Meeresbrandung), aber auch durch technische Quellen wie Verkehr, Heizungen, Industrieanlagen – und Windkraftanlagen.

Das Besondere an Infraschall: Er wird mit sinkender Frequenz immer weniger gedämpft und kann sich daher über große Entfernungen ausbreiten. Er durchdringt Wände und biologisches Gewebe. Man hört ihn nicht – aber das bedeutet nicht, dass er wirkungslos ist.


Die BGR-Korrektur: Was wirklich geschah – und was daraus gemacht wurde

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) veröffentlichte 2005 eine Studie, die Infraschallwerte von über 100 dB im Umfeld einer Windkraftanlage ermittelte. Diese Zahlen wurden lange als Beleg für besonders hohe Schalldruckpegel herangezogen.

2021 musste die BGR einräumen: Die Werte waren um 36 dB zu hoch – das entspricht einem Faktor von etwa 4.000 in der Schallintensität. Der Bayreuther Wissenschaftler Dr. Stefan Holzheu hatte den Rechenfehler über Monate hinweg nachgewiesen. Zusätzlich war die Leistung der untersuchten Windkraftanlage (Vestas V47) um den Faktor 3,3 zu niedrig angesetzt worden.

Die Windkraftlobby nutzte diese Korrektur sofort, um das gesamte Infraschall-Thema für erledigt zu erklären. Nach dem Motto: Wenn die BGR-Zahlen falsch waren, gibt es kein Problem. Doch das ist ein Fehlschluss. Die Korrektur bedeutet, dass die Pegel niedriger sind als in dieser einen Studie behauptet – nicht, dass sie bei null liegen. Und genau hier setzen die neueren Forschungsergebnisse an.


Schwedische Studie 2026: Moderne Anlagen erzeugen deutlich mehr Infraschall als angenommen

Eine der wichtigsten neuen Arbeiten kommt von Prof. Ken Mattsson und seinem Team an der Universität Uppsala. Ihre Studie „Efficient finite difference modeling of infrasound propagation in realistic 3D domains" wurde in der Fachzeitschrift Applied Acoustics (Bd. 243, Februar 2026) veröffentlicht.

Die Forscher entwickelten mit SoundSim360 ein hochpräzises 3D-Simulationswerkzeug, das reale atmosphärische und topografische Daten einbezieht. Die Validierung erfolgte anhand von Messungen an zwei modernen Windparks in Schweden.

Das zentrale Ergebnis: Moderne, große Windkraftanlagen erzeugen signifikant höhere Infraschallpegel als für ältere, kleinere Anlagen dokumentiert.

Diese Erkenntnis ist brisant, weil ein Großteil der bisherigen Entwarnung auf Messungen an älteren, kleineren Anlagen basiert. Die Anlagen, die heute gebaut werden – mit Rotordurchmessern von 160 Metern und mehr – sind eine andere Kategorie. Prof. Mattsson stellte seine Ergebnisse im März 2026 auch im EU-Parlament vor und kritisierte dort, dass die gängige dB(A)-Bewertungsskala Infraschall systematisch ausblendet.

Quelle: Mattsson, K. et al. (2026). Applied Acoustics, 243. DOI: 10.1016/j.apacoust.2025.111156


Lehmann et al. (2026): Infraschall wirkt auf zellulärer Ebene

Im Februar 2026 erschien im Journal of Applied Sciences die Review-Studie „Infrasound and Human Health: Mechanisms, Effects, and Applications" von Christian Lehmann, Ursula Bellut-Staeck und Kollegen an der Dalhousie University (Kanada).

Die Studie fasst den aktuellen Forschungsstand zu den biologischen Wirkmechanismen von Infraschall zusammen:

  • Infraschall kann druckempfindliche Ionenkanäle (PIEZO1, TRPV4) in Zellen aktivieren
  • Dies führt zu intrazellulärem Kalziumeinstrom, oxidativem Stress und gestörter Zellkommunikation
  • Im Herz-Kreislauf-System wurden bei höheren Schalldrücken mitochondriale Schäden und Fibrose beobachtet
  • In Tierversuchen zeigten sich bei chronischer Exposition neuroinflammatorische Reaktionen und Gedächtnisstörungen

Die Autoren betonen ausdrücklich, dass die Wirkung von Frequenz, Schalldruckpegel, Expositionsdauer und Gewebetyp abhängt. Wichtig: Die Studie kritisiert auch die vielzitierte Health-Canada-Studie von 2012, die von der Windindustrie regelmäßig als Entwarnung herangezogen wird, als veraltet und methodisch unzureichend.

Quelle: Lehmann, C. et al. (2026). Appl. Sci., 16(3), 1553. DOI: 10.3390/app16031553


Bellut-Staeck (2025): Mechanotransduktion als Schlüsselmechanismus

Dr. Ursula Bellut-Staeck forscht seit Jahren zur Wirkung von Infraschall auf die Mikrozirkulation – also die feinsten Blutgefäße, in denen der Sauerstoff- und Nährstoffaustausch stattfindet. In einer 2025 im SCIREA Journal of Clinical Medicine veröffentlichten Arbeit beschreibt sie, wie periodischer, impulsiver Infraschall – genau das Muster, das Windkraftanlagen erzeugen – die Mechanotransduktion in Endothelzellen stört.

Die Endothelzellen kleiden die Innenwände der Blutgefäße aus und regulieren unter anderem Blutdruck, Entzündungshemmung und Gewebsversorgung. Wird dieser Mechanismus durch chronische niederfrequente Schwingungen gestört, können laut Bellut-Staeck Bluthochdruck, Durchblutungsstörungen und Entzündungsreaktionen die Folge sein.

Besonders bemerkenswert: Bellut-Staeck weist darauf hin, dass die Symptome bei Tieren nicht mit dem Nocebo-Effekt erklärt werden können – Tiere haben keine Erwartungshaltung zu Windkraftanlagen.


Die „Entwarnung"-Studien: Was sie wirklich zeigen – und was nicht

Behörden und Betreiber führen regelmäßig eine Reihe von Studien an, die angeblich belegen, dass Infraschall von WKA harmlos sei. Die wichtigsten:

Finnische Langzeitstudie (VTT, 2020): Fand keine nachweisbaren gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch Infraschall von Windkraftanlagen. Allerdings: Die untersuchten Anlagen waren deutlich kleiner als heutige Neuanlagen.

Woolcock Institute, Australien (2023): 37 Probanden wurden im Schlaflabor bis zu 90 dB Infraschall ausgesetzt. Keine messbaren Auswirkungen auf Schlaf, Herzgesundheit oder Psyche. Kritik: Die Studie lief nur über drei Nächte – chronische Langzeitexposition wurde nicht untersucht. Die Stichprobe von 37 Personen ist zudem sehr klein.

TremAc-Verbundprojekt, Deutschland: Fand keine plausiblen Zusammenhänge zwischen Schall-/Bodenerschütterungen und körperlichen Beschwerden. Aber: Die gemessenen Amplituden waren so gering, dass Effekte ohnehin nicht zu erwarten waren.

UBA-Zusammenschau 2024: Kommt zu dem Schluss, dass die bisherige Studienlage keinen konsistenten Nachweis für Gesundheitsschäden durch Infraschall liefert – betont aber selbst die Lücken in der Evidenz.

Alle diese Studien haben eine gemeinsame Schwäche: Sie basieren überwiegend auf kurzfristiger Exposition und/oder älteren, kleineren Anlagentypen. Keine untersucht die Langzeitwirkung moderner Großanlagen mit 250 Metern Gesamthöhe über Jahre hinweg.


EU-Parlament nimmt Thema auf: Konferenz im März 2026

Am 24. März 2026 fand im EU-Parlament die Konferenz „Unheard but Not Harmless: Public Health and Wind Energy Infrasound" statt, organisiert vom luxemburgischen Abgeordneten Fernand Kartheiser. Wissenschaftler, Juristen und Branchenvertreter diskutierten die Gesundheits- und Umweltauswirkungen.

Prof. Mattsson kritisierte dort die gängigen Messmethoden als unzureichend. Die niederländische Anwältin Morvan Le Berre verwies auf eine seit 2021 offene EU-Petition zu den Auswirkungen von Infraschall. Der Petitionsausschuss des EU-Parlaments sammelt derzeit Informationen. Die EU-Kommission hat zugesagt, innerhalb von drei Monaten eine schriftliche Stellungnahme abzugeben.


Nocebo-Effekt: Echtes Phänomen, aber kein Totschlagargument

Die Windkraftbranche und ihre wissenschaftlichen Unterstützer verweisen gerne auf den Nocebo-Effekt: Wer Angst vor Infraschall hat, entwickelt Symptome – unabhängig davon, ob tatsächlich Infraschall vorhanden ist. Verblindete Studien (z.B. Crichton et al., 2015) haben diesen Mechanismus nachgewiesen.

Das ist ein reales Phänomen. Aber es hat klare Grenzen als Erklärung:

  • Es erklärt nicht die dokumentierten Verhaltensänderungen bei Tieren (Flucht, Meidung von Windparkbereichen)
  • Es erklärt nicht, warum Beschwerden nach Repowering zunehmen – also genau dann, wenn die Anlagen größer und der Infraschall stärker wird
  • Es erklärt nicht die in Laborversuchen nachgewiesenen zellulären und physiologischen Reaktionen auf Infraschall

Den Nocebo-Effekt als alleinige Erklärung heranzuziehen ist etwa so, als würde man sagen: Die Angst vor Asbest sei das eigentliche Problem – nicht der Asbest.


Was bedeutet das für Thüringen?

Der Thüringer Regionalplan sieht zahlreiche Vorranggebiete für Windenergie vor – viele davon in unmittelbarer Nähe zu Wohnbebauung. In Südwestthüringen und darüber hinaus formieren sich Bürgerinitiativen, weil die geplanten Standorte Anwohner direkt betreffen. An diesen Standorten sollen moderne Großanlagen der 5–6-MW-Klasse mit Gesamthöhen von bis zu 250 Metern errichtet werden.

Die aktuelle Studienlage hat für alle diese Planungen Konsequenzen:

  1. Die pauschale Entwarnung der Behörden ist wissenschaftlich nicht gedeckt. Sie basiert auf Studien an älteren, kleineren Anlagen und kurzfristiger Exposition.
  2. Die zellulären Wirkmechanismen sind inzwischen beschrieben. Infraschall ist kein mysteriöses Phänomen mehr – die biologischen Pfade sind identifiziert.
  3. Die Messverfahren müssen aktualisiert werden. Die dB(A)-Bewertung filtert Infraschall systematisch heraus. Solange nicht in dB(C) oder ungewichtet gemessen wird, werden die tatsächlichen Belastungen unterschätzt.
  4. Langzeitstudien fehlen. Genau das macht die geplante Dauerexposition von Anwohnern zu einem unkontrollierten Großexperiment.

Die auf windwiderstand.de vernetzten Bürgerinitiativen aus Südwestthüringen fordern: Keine Genehmigung von Windkraftanlagen in Wohnnähe, solange die Langzeitwirkungen von Infraschall moderner Großanlagen nicht durch unabhängige Forschung geklärt sind. Das Vorsorgeprinzip muss gelten – nicht der Ausbauwille der Landesregierung.


Quellen

  • Mattsson, K. et al. (2026): Efficient finite difference modeling of infrasound propagation in realistic 3D domains. Applied Acoustics, 243. Link
  • Lehmann, C. et al. (2026): Infrasound and Human Health: Mechanisms, Effects, and Applications. Appl. Sci., 16(3), 1553. Link
  • Bellut-Staeck, U. (2025): Mechanotransduction endangered by periodic exposure to impulsive infrasound. SCIREA J. Clin. Med., 10(2).
  • BGR-Korrektur (2021): Stellungnahme der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe
  • Holzheu, S.: Universität Bayreuth, bayceer.uni-bayreuth.de/infraschall
  • Finnische Langzeitstudie VTT (Maijala et al., 2020)
  • Woolcock Institute of Medical Research, Australien (Marshall et al., 2023)
  • TremAc-Verbundprojekt (2020)
  • UBA-Texte 2024/111: Abschlussbericht Aufklärungskonzept zu Infraschall
  • EU-Parlamentskonferenz (24.03.2026): Unheard but Not Harmless
  • Crichton, F. et al. (2015): Nocebo-Effekt und Windkraftanlagen. Environmental Research, 140.
  • Bundestag WD 8-055/25: Wirkungen von Windkraftanlagen auf Mensch und Umwelt
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