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Wenn der Schatten mit am Tisch sitzt

Diana Werner-Uhlworm, inSüdthüringen, 18.04.2026

In St. Bernhard im Landkreis Hildburghausen stehen seit Dezember 2019 vier rund 250 Meter hohe Windkraftanlagen des Windvorranggebiets „Galgenhöh", das erste davon nur 750 Meter vom Wohnhaus der Familie Jünger entfernt. Was als Energiewende verkauft wurde, ist für die vierköpfige Familie zum Dauerzustand geworden.

Frühstück bei geschlossenen Rollläden

Rebecca und Tobias Jünger ziehen beim Frühstück selbst bei blauem Himmel die Rollläden herunter. Grund ist der Schattenschlag der rotierenden Rotorblätter, ein flackerndes Licht-Dunkel-Wechselspiel, das Tobias Jünger mit dem „dauerhaften Aus- und Einschalten des Lichtes" vergleicht. Besonders morgens zwischen 8 und 9 Uhr im Frühjahr und Herbst sei die Belastung kaum auszuhalten. Andere Familien entlang der Friedensstraße berichten Ähnliches.

Der Mindestabstand von 1000 Metern greift hier nicht. Weil es sich um ein Wohnmischgebiet handelt, in dem sich auch Betriebe ansiedeln können, sind die Abstände geringer.

Ein halbes Jahr Ausnahmezustand

Die Bauphase 2019 beschreibt die Familie als halbes Jahr der Belastung:

  • Wirtschaftswege wurden mit Vorsieb-Material aufgefüllt, das bei Trockenheit enorme Staubbelastung verursachte
  • 94 Betonmischer-Lastkraftwagen allein für das Fundament eines einzigen Windrades fuhren am Haus vorbei
  • Von 5 Uhr morgens bis 22 Uhr abends waren weit über 1000 LKWs und Schwerlasttransporter unterwegs
  • Schwertransporte auch nachts. Die Polizei holte die Familie aus dem Haus, damit ihre Autos weggefahren werden konnten
  • Nach der Bauphase: metergroße Löcher in der Straße vor dem Haus

Trotz monatelanger Beschwerden bei Baufirmen, Behörden, Ministerien und Landratsamt, keine Unterstützung.

Gesundheitliche Folgen

Tobias Jünger berichtet seit Inbetriebnahme des Windparks von Schlafstörungen, häufigen Kopfschmerzen und ständigem Tinnitus, er nimmt vor allem die tiefen Töne verstärkt wahr. Das Schlafzimmerfenster könne im Sommer kaum noch geöffnet werden. Selbst bei geschlossenen Fenstern sind die Rotor-Geräusche deutlich hörbar, „als würde ständig ein Flugzeug über unser Haus fliegen". Dreifachverglasung mit Schallschutz brachte nur begrenzte Linderung. Besonders laut: nachts, bei starkem Wind und bei Nebel.

Strom? Nicht für die Anwohner

Eine besondere Absurdität: Trotz vier großer Windkraftanlagen direkt vor der Haustür kommt es im Ort immer wieder zu Stromausfällen, flackerndem Licht und Spannungsproblemen. Die Familie schaffte ein Notstromaggregat an und installierte einen Spannungsschutz für den Kühlschrank.

Hinzu kommt die Beobachtung von Tankfahrzeugen mit Dieselkraftstoff, die regelmäßig Richtung Windpark fahren, für die Generatoren bei Windflaute, Frost, Wartung oder in Bauphasen. Tobias Jünger sarkastisch: „Windräder werden uns als saubere Energie verkauft und dann laufen die Aggregate mit Diesel".

Spaziergänge nur noch bei bestimmter Witterung

Der Keltenwanderweg vor der Haustür war lange Erholungsort, heute meidet die Familie ihn bei Eis und Schnee. Im Winter besteht die Gefahr, dass etwa 50 Zentimeter große Eisschollen von den Rotorblättern geschleudert werden. Zum Spazieren fährt man dann mit dem Auto woanders hin.

Spaltung im Ort

In der 230-Einwohner-Gemeinde haben die Windräder einen tiefen Riss hinterlassen. Tobias Jünger: „Die Windräder spalteten den Ort. Wir haben die Familien, die finanziell profitieren und welche wie wir, die einfach nur die Belastung ertragen müssen."

Und: Das ist noch nicht das Ende. Die Regionale Planungsgemeinschaft hat in unmittelbarer Nähe ein weiteres Vorranggebiet zwischen Beinerstadt und Wachenbrunn ausgewiesen, nur einen Steinwurf entfernt. Auch dort regt sich bereits Widerstand, sichtbar an Plakaten und Bannern in Beinerstadt.

Was bleibt

Rebecca und Tobias Jünger haben das Elternhaus von Rebeccas Vater geerbt und seit 2013 in Eigenleistung umgebaut, für ein Familienleben in vertrauter Umgebung. Über den Wertverlust ihres Hauses wollen sie eigentlich gar nicht reden. Was sie aber sagen: Ihre Heimat empfinden sie inzwischen als „nerviges Industriegebiet". Selbst das Plätschern des Dorfbrunnens gegenüber ist nicht mehr zu hören.


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Videobeitrag von inSüdthüringen zur Situation der Familie Jünger in St. Bernhard.

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Windrad-Opfer, Wenn der Schatten mit am Tisch sitzt, inSüdthüringen, 18.04.2026

Text: Diana Werner-Uhlworm, inSüdthüringen, 18. April 2026

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