Ist die Sause vorbei?
Die Erneuerbaren-Branche meldet reihenweise Insolvenz an. Drei Schotterflächen im Grabfeld und ein abgerissener Solarpark in Unterfranken zeigen, warum.
Am 7. September 2026 ging Enerparc zum Amtsgericht Hamburg. Enerparc ist kein Kleinbetrieb. Mehr als 500 Solarparks, 5,5 Gigawatt, Deutschlands größter Betreiber von Freiflächenanlagen. Im März hatte die Firma noch eine Finanzierung über bis zu eine Milliarde Euro gefeiert. Sechs Monate später: zahlungsunfähig.
Im Juli davor: Sowitec aus Baden-Württemberg, seit über 30 Jahren im Wind- und Solargeschäft, Insolvenz mit drei Tochterfirmen. Davor Meyer Burger, GridParity, SoLuxTec. SMA baut 350 Stellen ab, Zolar steigt aus dem Privatkundengeschäft aus. Der Solarverband hatte schon 2025 vor einer Pleitewelle gewarnt. Jetzt ist sie da.
Drei Schotterflächen im Grabfeld
Man muss dafür nicht nach Hamburg schauen. Auf dem Schlotberg zwischen Jüchsen und Queienfeld liegen seit über einem Jahr drei fertig planierte Standplätze und eine für Schwerlaster ertüchtigte Zufahrt. Eno energy aus Rostock wollte hier drei eigene Windräder mit 165 Metern Nabenhöhe bauen. Verkauft war der Park schon im September 2024 an die Stadtwerke Heidenheim, ein kommunales Unternehmen aus Baden-Württemberg, Fertigstellung Ende 2025. Dann kündigte ein Zulieferer die Rotorblätter, eno konnte keine Anlagen mehr liefern und meldete im Oktober 2025 Insolvenz an. Die Firma wird abgewickelt.
Die Stadtwerke bauen jetzt in eigener Regie weiter. Nur: Den Anlagentyp, für den alles genehmigt und vorbereitet war, gibt es nicht mehr. Also neuer Hersteller, GE Vernova statt eno, neue Anlagen mit 240 Metern Gesamthöhe, ein Standort muss um 16 Meter verschoben werden, weil bei einem Grundstück ein Erbfall ungeklärt ist. Dafür braucht es ein neues Genehmigungsverfahren nach Bundes-Immissionsschutzgesetz. Der Gemeinderat Grabfeld hat Anfang August sein Einvernehmen erteilt. Wann gebaut wird: offen.
Ein günstiger Stromtarif für die Anwohner sei nicht möglich, sagten die Investoren auf Nachfrage. Aber die Gemeinde bekomme ja die Umlage nach EEG, betonte der Bürgermeister. Es ist dasselbe Geld, um das es weiter unten in diesem Text geht: Der Betreiber holt es sich vom Netzbetreiber zurück, bezahlt wird es aus dem Bundeshaushalt. Und auf die Frage nach der Rückbaubürgschaft hieß es, sie werde in ausreichender Höhe hinterlegt. Eine Zahl gab es nicht.
So sieht Planungssicherheit im Windgeschäft aus: Der Projektierer geht pleite, bevor das erste Fundament gegossen ist, der Käufer fängt von vorn an, und drei Schotterflächen im Grabfeld warten darauf, dass irgendjemand die Rechnung übernimmt.
Und das Verrückte: Gleichzeitig wird gebaut wie nie. Im August 2026 standen in Deutschland über 128 Gigawatt Solarleistung, das Jahresziel war schon im Sommer erreicht. Rekordausbau und Rekordpleiten zur gleichen Zeit. Wie geht das?
Zu viel vom Gleichen zur gleichen Zeit
Ganz einfach. Wind- und Solaranlagen liefern, wenn das Wetter will. Und dann liefern alle auf einmal. Scheint mittags die Sonne, drücken Millionen Anlagen gleichzeitig Strom ins Netz, den um diese Zeit niemand braucht. Der Preis an der Börse fällt. Oft unter null. Dann zahlt der Erzeuger drauf, damit ihm jemand den Strom abnimmt.
Das ist kein Randphänomen mehr. Bis Ende Mai 2026 gab es schon 242 Stunden mit negativen Preisen, mehr als im ganzen Jahr 2022. Am 1. Mai stand der Preis bei minus 50 Cent pro Kilowattstunde, tiefer geht die Börse nicht. Im August 2026 haben Solaranlagen ein Fünftel ihres Stroms in Stunden erzeugt, in denen er weniger als nichts wert war. Der Solarstrom brachte im Schnitt 6,4 Cent, der Strom aller anderen Erzeuger 12,7 Cent. Halber Preis, weil alle dasselbe zur selben Zeit verkaufen. Die Branche nennt das Kannibalisierung. Jede neue Anlage macht die alten ärmer.
Zwanzig Jahre lang war das egal. Das EEG garantierte jedem Betreiber einen festen Preis. War die Börse drunter, zahlte der Staat die Differenz. Erst über die Stromrechnung, seit 2022 aus dem Bundeshaushalt. Das Risiko trug immer jemand anderes. Und auch die „Beteiligung“ der Gemeinden nach § 6 EEG zahlt nicht der Betreiber: Er bekommt sie vom Netzbetreiber erstattet, der Netzbetreiber holt sie sich aus dem EEG-Konto.
Damit ist Schluss. Seit Februar 2025 gibt es für neue Anlagen keine Vergütung mehr, sobald der Börsenpreis auch nur eine Viertelstunde negativ ist. Ab 2027 kommt die nächste Stufe: Verdient eine Anlage in guten Jahren mehr als den Zuschlagswert, muss sie den Überschuss zurückzahlen. Die fetten Jahre werden abgeschöpft, die mageren bleiben beim Betreiber. Für Dachanlagen soll die Einspeisevergütung ganz gestrichen werden.
Die Branche schiebt die Pleiten auf Zinsen, China und Genehmigungen. Alles nicht falsch. Aber Banken geben Geld, wenn sie an die Erlöse glauben. Bei Enerparc scheiterte im Juni eine Projektfinanzierung, danach ging nichts mehr. Die Firma hatte Module und Speicher auf Kredit vorbestellt, und der Kredit kam nicht. Man kann das auch so sagen: Die Geldgeber haben nachgerechnet.
Der Beweis steht in Arnstein. Oder stand.
Was passiert, wenn der garantierte Preis wegfällt, kann man in Unterfranken besichtigen. Bei Arnstein im Landkreis Main-Spessart ging 2006 der Solarpark Gut Erlasee ans Netz. Die damals größte Photovoltaikanlage der Welt. 1.464 Nachführungen, die der Sonne folgen, 77 Hektar, 11,4 Megawatt, 70 Millionen Euro Baukosten. Der Landkreis baute daneben einen Jugendzeltplatz, damit die Kinder das Wunder aus der Nähe sehen.
Zwanzig Jahre lang bekam die Anlage 40,6 Cent für jede Kilowattstunde. Festgeschrieben, egal was die Börse machte. Das waren am Anfang rund 5,7 Millionen Euro im Jahr, über die Laufzeit grob 100 Millionen Euro. Auf 70 Millionen Investition. Ein Geschäft, bei dem man nichts falsch machen konnte.
Ende 2025 lief die Förderung aus. Und jetzt kommt der Teil, den man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Die Anlage ist bezahlt. Abgeschrieben. Die Module laufen noch. Die Sonne schickt keine Rechnung. Jeder Betriebswirt würde sagen: Jetzt beginnt die schönste Zeit, keine Kredite mehr, nur noch Einnahmen.
Stattdessen bekamen die Eigentümer ein Angebot: Anlage für einen Euro abgeben. Oder nach Vertragsende auf eigene Kosten abreißen. Die Anleger rechneten selbst nach. Ohne EEG bringt die Kilowattstunde vielleicht 8 Cent, tatsächlich lag der Marktwert Solar 2025 bei 4,5 Cent. Davon Pacht, Wartung, Versicherung. Es blieb nichts übrig. Seit dem Frühjahr 2026 rollen die Bagger. Luftbilder vom 3. Mai zeigen den Park im Rückbau.
Ja, die Technik ist von 2006. Ja, neue Module sind besser. Ändert nichts am Befund: Eine fertige, abbezahlte Anlage ist zum Marktpreis nicht mal den Weiterbetrieb wert. Der Wert steckte nie im Solarpark. Er steckte im Fördersatz. Die Module waren nur das Gerät, mit dem man ihn abgeholt hat.
Und jetzt?
Die Rechnung liegt beim Bund. Für 2026 hat der Bundestag 16,2 Milliarden Euro Zuschuss für das EEG-Konto bewilligt, für 2027 sind 16,5 Milliarden eingestellt. Wirtschaftsministerin Reiche sagt, der Bund gebe heute 17 Milliarden Euro für die EEG-Förderung aus, „Tendenz steigend“. Das ist der größte Einzelposten im Bundeshaushalt zur Entlastung der Strompreise. 2024 reichte das eingeplante Geld nicht, der Bund musste 8,8 Milliarden nachschießen, weil der Börsenpreis stärker gesunken war als angenommen. Je mehr Anlagen ihren Strom gleichzeitig verschenken, desto mehr zahlt der Staat drauf. Das System bestraft den Steuerzahler für seinen eigenen Erfolg.
Dieses Geld gibt es nicht mehr. Nicht, weil jemand die Energiewende abschaffen will, sondern weil Brücken, Bundeswehr, Rente und Pflege aus demselben Topf bezahlt werden und der Topf nicht größer wird. Das EEG 2027 ist keine Reform aus Überzeugung. Es ist ein Kassensturz. Die EU-Genehmigung für das alte Fördersystem läuft Ende 2026 aus, und niemand in Berlin hatte Lust, sie in der alten Form zu verlängern.
Die Branche fordert jetzt Planungssicherheit. Das Wort ist interessant. Zwanzig Jahre lang hatte sie die verlässlichste Planungssicherheit, die es in der deutschen Wirtschaft je gab: einen staatlich garantierten Abnahmepreis, zwei Jahrzehnte fest, unabhängig davon, ob jemand den Strom brauchte. Planungssicherheit hatte nur der Steuerzahler nicht. Der erfuhr 2024 per Nachtragshaushalt, was er schuldet.
Ein Geschäft, das sich nach 20 Jahren Vollförderung nicht selbst trägt, ist kein Geschäft mit Anlaufschwierigkeiten. Es ist ein Geschäft, das ohne Förderung nicht existiert. Erlasee hat das bewiesen, die Insolvenzen bestätigen es. Und was sich ohne Subvention nicht amortisiert, hat auch mit Subvention keine Zukunft, sobald der Geldgeber selbst nichts mehr hat.
Die Erneuerbaren-Lobby war lange die mächtigste Lobby des Landes. Sie hat Gesetze geschrieben, Ausbaupfade diktiert und jeden Zweifler zum Ewiggestrigen erklärt. Jetzt muss sie sich denselben Realitäten unterordnen wie alle anderen: Es gibt einen Markt, es gibt einen Preis, und es gibt einen Haushalt, in dem das Geld endlich ist. Wer damit nicht klarkommt, landet dort, wo Enerparc, Sowitec und eno energy jetzt sind.
Die Branche nennt das Marktbereinigung. Ein Markt hätte diese Firmen nie so groß werden lassen. Das war eine Party auf fremde Rechnung. In Arnstein wird gerade aufgeräumt. Im Grabfeld wartet man noch darauf, dass überhaupt jemand anfängt.
Quellen:
- Enerparc muss Insolvenz anmelden, pv magazine, 07.09.2026
- Gescheiterte Finanzierung löste Enerparc-Insolvenz aus, pv magazine, 15.09.2026
- Pleitewelle und Schock in der Solarbranche, agrarheute, 08.09.2026
- Insolvenzen von Energiefirmen: Politikversagen oder Marktbereinigung?, top agrar, 10.09.2026
- Projektentwickler Sowitec muss Insolvenz anmelden, top agrar, 15.07.2026
- Insolvenz: Eno Energy ohne Flügel, Erneuerbare Energien, 30.10.2025
- Neuer Investor informiert: Windpark am Schlotberg steht vor Neustart, inSüdthüringen, 04.08.2026
- Rekordausbau und trotzdem Pleiten, xpert.digital, 25.09.2026
- „PV speist genau dann ein, wenn der Preis kippt“, ZfK, 03.08.2026
- Negative Strompreise: 2026 auf dem Weg zum neuen Rekord, 1KOMMA5°, 16.06.2026
- EEG-Novelle 2027: Umbruch bei der Förderung der Erneuerbaren Energien, Gleiss Lutz, 04.08.2026
- EEG-Kosten: Fakten und Trends in sieben Grafiken, ZfK
- Strompreise 2030: Reiches nüchterne Prognose, ZfK
- Photovoltaik: Was tun mit der Ü20-Anlage?, Verbraucherzentrale
- Solarfeld Erlasee, Wikipedia
- Interessengruppe Solarpark Gut Erlasee, solarparkerlasee.de
- Luftbild: Im Rückbau befindlicher Solarpark Gut Erlasee, 03.05.2026, FLY-FOTO.de
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